Die Reformation (1522-1610)

Die Reformation (1522-1610)

Die erste Reformation

Vom Rat werden die Erzbischöfe schon lange als Gegner der Stadt angesehen. Deshalb bedarf es nur einer abendlichen Diskussion zwischen „einigen angesehenen Bürgern“ (Originalton Heinrich von Zütphen) und dem niederländischen Augustinereremiten Heinrich Möller aus Zütphen, der auf der Durchreise nach Wittenberg in Bremen im Gasthaus „zum Straußen“ am Markt absteigt, um den reformatorischen Funken bei den Bremern zu entzünden. Denn die einflussreichen Bürger erkennen sofort: So werden sie den Erzbischof als Landesherrn los. Nicht nur deshalb ist Bruder Heinrichs reformatorische Predigt so erfolgreich. Die erste erfolgt am 9. November 1522 in einer Kapelle der St.-Ansgarii-Kirche. Der Zulauf ist groß und der Augustinerprior, der aus Antwerpen fliehen musste, predigt täglich, zum Ärger von Domkapitel und Erzbischof.

Die Folge: Innerhalb zweier Jahre bricht das Gebäude der alten Kirche wie ein Kartenhaus zusammen. Dafür gibt es viele Gründe: Die Messen werden in Latein gelesen, was nur die Gelehrten verstehen. Die Priester sind häufig reine Messpriester. Viele Messen werden mechanisch heruntergeleiert. Vom Predigen verstehen die Pfarrgeistlichen kaum etwas. Darauf verstehen sich jedoch Dominikaner wie Franziskaner. Außerdem ärgern sich die Bürger über die Privilegien des Klerus.

Widerstand gegen Bruder Heinrich und seine neue Lehre leisten lediglich der Erzbischof, das Domkapitel und die Mönche der beiden Predigerklöster. Da auch der Rat aus begreiflichen Gründen hinter Bruder Heinrich steht, ist dem vermeintlichen „Ketzer“ nicht auf Antrag des Erzbischofs bzw. Domkapitels per Ratsbeschluss beizukommen.

1525 hören die „abgöttischen Zeremonien“ in den Stadtkirchen auf, wie die Reformatoren die lateinischen Messen nennen. 1527 wird der katholische Gottesdienst auch in den Bremer Landkirchen verboten und 1528 folgt das Verbot für die beiden Klöster. Für die Mönche, die nicht gegen die Reformation „donnern“, gibt es eine typisch bremische Lösung: Sie können in ihrem Kloster bleiben und beziehen gar eine Pension. Das hindert sie jedoch nicht, gelegentlich Bremer Bürger hinten herum in ihr Kloster zu lassen, damit sie an ihren Messen teilnehmen können. Die dürfen sie nämlich hinter verschlossenen Türen weiter zelebrieren. Die Bremer Gäste im Kloster ärgern den Rat, weshalb er auch immer wieder mit Ermahnungen bzw. Verboten einschreitet. Berufsverbot bekommen nur vier Dominikaner, die gegen die beginnende Reformation lautstark "donnern", wie der Chronist sich ausdrückt.

In der Folge mutiert das Dominikanerkloster 1528 zur Lateinschule und das Franziskanerkloster 1530 mit Wissen und Willen der Mönche zum Hospital bzw. Irrenhaus.

Die Reformation wird in Bremen komplettiert, als die Aufständischen „104“ im Dom am Palmsonntag 1532 ein „evangelisches Go-in“ veranstalten und dazu den Prediger Jacob Probst von der benachbarten Kirche Unser Lieben Frauen mitbringen, der den Domherren wie den anwesenden Alt-Gläubigen die Leviten liest. Der Dom wird als Folge vom Domkapitel für 15 Jahre geschlossen.

Dass damals mit harten Bandagen gekämpft wird, beweisen die Schicksale der beiden Bremer Märtyrer der Reformation: Heinrich von Zütphen wird 1524 von Medldorf von einem betrunkenen Mob nach Heide geschleift und dort am Scheiterhaufen ermordet. Johann Bornemacher, Prediger an St. Remberti, wird 1525 in Verden vom Bremer Erzbischof Christoph verhaftet und auf dem Scheiterhaufen als "Ketzer" verbrannt. 

Die erste Kirchenverfassung

1534 verfasst der aus den Niederlanden geflohene Prediger Jacob Timann eine evangelische Kirchenordnung. Darin wird die Gemeindeautonomie festgeschrieben. Die Bauherren bekommen das Recht der Pastorenwahl und die Verwaltung des Gemeindevermögens. Die Diakone verfügen über die Armenkassen.

Im Westfälischen Frieden 1648 wird das Erzstift in ein Herzogtum umgewandelt und dem schwedischen König als Reichslehen übertragen. 

Die zweite Reformation

Der 1547 auf Drängen Bremens vom Erzbischof am Dom angestellte erste evangelische Prediger Albert Rizäus Hardenberg tendiert bald zum Kalvinismus. Er wird nach längerem Hin und Her zwar der Stadt verwiesen, aber das Luthertum siegt trotzdem nicht. Denn der reformiert gesinnte Bürgermeister Daniel von Büren geht aus den folgenden Glaubenskämpfen in Bremen erfolgreich hervor. Und mit der Ankunft des hessischen Predigers Christoph Pezelius (1539-1604) anno 1581 beginnt in Bremen unter tatkräftiger Assistenz Daniel von Bürens die zweite Reformation: Bremen wird gemäßigt kalvinistisch und radikal von Bildern gesäubert. Ob dabei auch eine Rolle spielt, dass man so den inzwischen lutherisch gewordenen Erzbischof, präziser Administrator, in Bremen endgültig los wird, ist denkbar.

Pezelius etabliert, laut Pastor Louis-Ferdinand von Zobeltitz "in Bremen eine milde reformierte Lehre, die sich immer als vermittelnd hin zu den Lutheranern verstand. Er achtete darauf, dass die Bremer sich keinem radikalen Zwinglialismus verpflichteten, sondern immer auch die Confessio Augustana als Richtschnur ihres Glaubens begriffen. Ihm ist es zu verdanken, dass Bremen nie einem engen Konfessionalismus verfiel und immer das gemeinsame mit den anderen evangelischen Kirchentümern gesucht hat".

Nach 1580 beginnt die „Entwicklung zur Magistratskirche“, so Ortwin Rudloff, denn der Rat übernimmt nun als summus episcopus (= oberster Bischof, bzw. Notbischof) das Kirchenregiment. Um 1600 führt Bremen den Heidelberger Katechismus ein und wird damit eine – gemäßigt – reformierte Stadt. Der Westfälische Frieden 1648 sichert das reformierte Kirchentum mit dem Rat als summus episcopus. Der regiert laut Veeck „so selbstherrlich wie nur ein lutherischer, fürstlicher Summus Episcopus“. Heißt: Das „Veneradum Ministerium“, die Vereinigung der Prediger kann zwar debattiern, mitreden lässt der Rat es nicht. Es erlangt keinerlei Jurisdiktionsgewalt.

Mit dem 1610 gegründeten Gymnasium illustre bekommt Bremen als reformierte Insel im lutherischen Niedersachsen eine streng reformierte Hochschule.

Die wenigen übrig geblieben Katholiken spielen keine Rolle in der Stadt. Nachdem die letzten Dominikaner und Franziskaner Mitte des 16. Jahrhunderts gestorben sind, gibt es im 17. Jahrhundert zwar noch katholische Domherren, aber die sind keine geweihten Priester, können mithin keine Messe lesen. Und auf die kommt es bei den Bestimmungen des Westfälischen Friedens an. 


Die ersten drei Teile der Bremischen Kirchengeschichte wurden von Wilhelm Tacke zusammengeschrieben aus: 

  • Konrad Elmshäuser: Das Erzbistum Bremen – Grundzüge seiner Geschichte bis zur Reformation, in: Mitteilungen, 74. Jahrgang des Vereins für Niedersächsisches Volkstum e.V. Bremer Heimatbund, 1998, Heft 139
  • Ortwin Rudloff: Bremen in: Theologische Realenzyklopädie, Bd. VII, Lieferung ½, Berlin, New York
  • Stichwort Bremen in: Lexikon für Theologie und Kirche, Freiburg, 1993-2001
  • Herbert Schwarzwälder: Geschichte der Freien Hansestadt Bremen, Hamburg 1985
  • Herbert Schwarzwälder: Das Große Bremen-Lexikon, Bremen 2003