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29.07.2010

„Raus aus dem Knast“

Gefängnisseelsorger Hans-Dieter Ernsing geht in den Ruhestand

Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 29.07.2010

Bremen (mh). „Mensch, Sie sind wohl strafversetzt“ titelte vor elf Jahren eine Bremer Zeitung als Pastoralreferent Hans-Dieter Ernsing seinen Dienst als Gefängnisseelsorger in der Justizvollzugsanstalt Oslebshausen antrat. Aber als Strafversetzung hat er seine Aufgabe im Gefängnis nie betrachtet. Ganz im Gegenteil. Bereits als er 1991 aus der Pfarrgemeindearbeit in die Gefängnisseelsorge wechselte, zunächst in Emden und Aurich, merkte er sofort: „Hier bin ich richtig. Hier werde ich gebraucht. Hier kann ich selbstständig arbeiten“.

Und das hat der heute 61 Jährige fast 20 Jahre hinter dicken Gefängnismauern und vergitterten Fenstern getan, mit viel Geduld, Fantasie und Hartnäckigkeit, seit dem 1. September 1999 in seiner Geburtsstadt Bremen. Drei Eigenschaften zeichnen für Ernsing einen guten Gefängnisseelsorger aus: „Immer wieder zuhören können, Mitleiden können und nein sagen können“. Wer nicht nein sagen kann, werde im Knast  schnell „ausgenommen, wie eine Weihnachtsgans“. Das habe er nach und nach lernen müssen. Naivität ist hier fehl am Platz, was zählt ist Konsequenz.
Aber seine grundsätzliche Offenheit hat sich der Vater von vier erwachsenen Kindern bewahrt. „Als Seelsorger habe ich den ganzen Menschen im Blick, mit seiner Schuld, seinen Beziehungen, seinen Ängsten und Wünschen. Wir treffen uns hier auf Augenhöhe“. Weil die ungestörte Religionsausübung ein Menschenrecht ist, kann auch im Gefängnis jeder, der will, mit einem Seelsorger sprechen und an religiösen Veranstaltungen  teilnehmen. Und Ernsing spricht mit jedem, egal ob Katholik, Protestant, Moslem oder Religionsloser.

Die meisten Häftlinge können mit Kirche zunächst nicht viel anfangen. Viele sind kirchenfern, suchen aber trotzdem das Gespräch und Begleitung. Dabei spielt das Thema Schuld eine zentrale Rolle. Ernsing ist es wichtig, die Menschen mit ihrer Straftat zu konfrontieren. Nur dann sei Aufarbeitung möglich: „Unsere Gesellschaft ist doch von einem riesigen Unschuldswahn befallen. Schuld sind immer die anderen, die Eltern, die Gesellschaft, die Umstände. Kaum jemand ist bereit, Schuld einzugestehen und Verantwortung für seine Taten zu übernehmen“. Hier will Ernsing ermutigen zu Einsicht, Umkehr, Wiedergutmachung und Neuanfang. Zu den guten Erfahrungen des Gefängnisseelsorgers gehört es, wenn er gemeinsam mit den Tätern einen Brief an die Opfer schreibt und der Täter sein Opfer um Verzeihung bittet. „Für die Opfer tun wir noch viel zu wenig“ ist Ernsing überzeugt.

Enttäuschen muss der weißhaarige Seelsorger mit Vollbart all diejenigen, die nur materielle Zuwendungen von der Kirche erwarten. „Wenn es keinen Kaffee oder Tabak gibt, reagieren einige schon gehässig. Einmal wurde ich sogar bespuckt“ berichtet Ernsing gelassen. Oft geht es in den Gesprächen um die Familie, um kaputte Beziehungen, die Sorge um die Kinder oder die Partnerin. Deshalb gehören Kinder- und Angehörigennachmittage zum festen Angebot der Gefängnisseelsorge. Dafür gibt es einen großen Fundus an Spielsachen, gespendet von Bremer Kirchengemeinden.

Zu den regelmäßigen Gottesdiensten in der U-Haft-Kapelle und in der Gefängnis-Kirche kommen zwischen 20 und 40 Teilnehmer, an Weihnachten deutlich mehr. Ernsing und sein evangelischer Kollege Pastor Peter-Michael Arenz haben sich dafür eingesetzt, dass beide Räume wieder renoviert wurden. Die neugotische Kirche aus dem Jahr 1871 wurde in hellen Farben gestrichen, mit bordeauxroten Säulen, reich verzierten Kapitellen und einer Apsis in himmlischem Blau. Durch die farbigen Fenster, die einzigen ohne Gitter auf dem Gefängnisgelände, fällt buntes mildes Licht, die kunstvoll gestaltete hohe Holzdecke vermittelt Geborgenheit. Alle handwerklichen Arbeiten wurden von Inhaftierten ausgeführt.

In der U-Haft-Kapelle hängt über dem Altar eine Christusfigur ohne Hände am Kreuz, die ein Häftling aus Stein gemeißelt hat. An der Seite steht ein steinerner Engel, ebenfalls von einem Insassen. Nach den Gottesdiensten gibt es Kaffee, wer will kann sprechen, eine Runde kickern oder Billard spielen. Denn die Kapelle ist in der U-Haft nicht nur zum Beten da.
Täglich erreichen den Seelsorger Anträge von Häftlingen, die in der JVA für alles und jedes gestellt werden müssen. Der eine weist auf seinen Geburtstag hin und erwartet eine kleine Aufmerksamkeit, ein anderer möchte einen Rosenkranz aus Holz und ein Dritter bittet um eine Bibel in seiner Muttersprache. Die meisten melden sich zu einem Einzelgespräch mit dem Seelsorger an oder bitten um Aufnahme in eine Gesprächsgruppe. Hin und wieder gibt auch ein Beamter den Hinweis, dass ein Häftling vielleicht seelsorglichen Beistand braucht.
Zu den bewegendsten Erfahrungen gehörte für Ernsing die mehrjährige Begeleitung eines Mannes, den er für unschuldig hält. „Dass einer vielleicht solange unschuldig sitzt, ist mir sehr nahe gegangen“. Gefreut hat ihn die Begegnung mit der Mutter eines Häftlings, der an Aids gestorben war. Mutter und Sohn hatten schon jahrelang keinen Kontakt mehr, so dass der Seelsorger der einzige war, der an der Urnenbeisetzung des Verstorbenen teilgenommen hatte. Als Dank hat die Mutter ihm später einen kleinen Porzellanengel geschenkt, der heute im Gesprächszimmer der Seelsorger in der U-Haft steht. Schwer fallen Ernsing oft Gespräche mit Drogenabhängigen, mittlerweile die Mehrzahl unter den Gefangenen.

Ernsing und Arenz ist es zu verdanken, dass die Gefängnisseelsorge seit einigen Jahren einen „Kirchenmitarbeiter“ hat. Das ist ein Häftling, der sich um Kirche und Kapelle, die Büros der Seelsorger und die zahlreichen Pflanzen kümmert, die in der so genannten „Oase“ vor der Kirche wachsen. Wichtig ist dem Seelsorger, der 1976 zu den ersten verheirateten Pastoraltheologen im Bistum Osnabrück gehörte, eine enge Verknüpfung mit den Kirchengemeinden vor Ort. Gemeinsam mit Diakon Matthias Brauer aus dem Bremer Westen bemüht Ernsing sich um Ehrenamtliche aus den Pfarrgemeinden, die Häftlinge betreuen und ihnen den Wiedereinstieg in ein Leben außerhalb der Gefängnismauern erleichtern. Er lädt Gemeindemitglieder zu den Gottesdiensten ein, bittet jedes Jahr um Weihnachtspäckchen für die Häftlinge und hält unter seinen Kolleginnen und Kollegen das Bewusstsein für die besondere Situation der Menschen in der JVA wach: „Denkt an die Gefangenen, als wäret ihr mitgefangen“.

Am 6. August wird Hans-Dieter Ernsing mit einem ökumenischen Gottesdienst in der frisch renovierten Gefängnis-Kirche und einem anschließenden Empfang in den Ruhestand verabschiedet. Dann heißt es für ihn nach fast 20 Jahren „raus aus dem Knast“. Vermutlich wird er die Gespräche über Schuld und Neuanfang, die Gratwanderung zwischen Offenheit und Naivität schon vermissen. Aber nach fast 35 Berufsjahren freut sich der Pastoraltheologe auf mehr Zeit mit seiner Frau, die Krankenhausseelsorgerin in Emden und Norden ist. Auch  Haus, Garten und Werder Bremen warten auf ihn. „Der Druck, alles immer gut zu machen, war bei mir sehr hoch. Als Pastoralreferent musste man in den ersten Jahren immer  besonders gut sein, um anerkannt zu werden“. Neuer katholischer Gefängnisseelsorger in der JVA Oslebshausen wird zum 1. September Diakon Dr. Richard Goritzka, bisher in der Pfarreiengemeinschaft Wittmund und in der Gefängnisseelsorge tätig.
In Deutschland verbüßen über 70.000 Menschen eine Strafe in einem der 194 Gefängnisse. Sie werden von etwa 300 katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern begleitet. In der Justizvollzugsanstalt Bremen Oslebshausen stehen ein katholischer und ein evangelischer Seelsorger den rund 530 Strafgefangenen und Sicherungsverwahrten auf Wunsch seelsorglich zur Seite.