Aktuelle Mitteilungen

Aktuelle Mitteilungen

Da sahen sie,

dass der Stein vom Grab

weggewälzt war.

Lk 24,2

31.03.2011

Thierse fordert Dialog zwischen Religion und Politik

Podiumsdiskussion des Arbeitskreises Christen in der SPD

Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 31.03.2011

 

Thierse fordert Dialog zwischen Religion und Politik

Podiumsdiskussion des Arbeitskreises Christinnen und Christen in der SPD in Bremen

Bremen (mh) „Kirche muss der Politik auch widersprechen und ein Korrektiv zum politischen Tagesgeschäft sein“. Diese Überzeugung vertrat Wolfgang Thierse, Vizepräsident des Deutschen Bundestages und Sprecher des Arbeitskreises Christinnen und Christen in der SPD auf Bundesebene, am 29. März vor gut 150 Zuhörerinnen und Zuhörern im Domkapitelsaal in Bremen. Eingeladen war er gemeinsam mit Repräsentanten der evangelischen und der katholischen Kirche zu einem Dialog zwischen Religion und Politik vom Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD in Bremen.

Thierse bekannte sich zur klaren Trennung von Kirche und Staat, von Religion und Politik in Deutschland. Es sei gut, dass aus theologischen Positionen in Deutschland nicht direkt politische Forderungen abgeleitet würden. Die Kirchen hätten gelernt, ihren jeweiligen Wahrheitsanspruch nicht unter allen Umständen durchzusetzen, sondern respektvoll mit Andersgläubigen umzugehen. Ein Spannungsverhältnis von Religion und Politik sei unvermeidlich: Politik befasse sich mit dem Relativen und dem Wohl der Menschen, in der Religion gehe es letztlich immer um das Absolute und das menschliche Heil. Politik suche nach Lösungen, Religion nach Erlösung.

Politik, die nicht totalitär sein wolle, müsse sich selbst bescheiden und dürfe nicht zum Akteur einer Weltanschauung werden. Deshalb sollte der demokratische Staat das Gespräch zwischen Politik und Weltanschauungsgemeinschaften fördern. „Der freiheitliche, säkularisierte Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“ zitierte Thierse den ehemaligen Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde. Ein purer Verfassungspatriotismus, der sich lediglich auf Recht und Gesetz stützt, reiche seiner Meinung nach nicht aus: „Wir brauchen ein Minimum an gemeinsamen Überzeugungen, die uns miteinander verbinden und auf die wir vertrauen können“, so Thierse.

Der Bundespolitiker formulierte auch Erwartungen an die Kirchen: In erster Linie sollten sie „Apostel und Verfechter der Menschenwürde“ sein. Die Würde sei nicht abhängig von Leistungsfähigkeit und Eigentum. Der Mensch dürfe nicht auf eine Rolle als Konsument und Arbeitskraft reduziert werden. Zudem hätten die Kirchen die Pflicht, Gerechtigkeit einzufordern, besonders die gerechte Teilhabe aller an Bildung, Arbeit, Kultur und Demokratie. Über das konkrete Maß von Gerechtigkeit müsse stets neu diskutiert werden: „Was darf zur Ware werden und dem Markt überlassen werden und was nicht?“. Schließlich wünschte sich Thierse Christen als „leidenschaftliche Verteidiger des Sozialstaates und von Solidarität“ und ein starkes friedenspolitisches Engagement der Kirchen.

Auf dem Podium diskutierte Thierse unter reger Beteiligung des Publikums mit der Präsidentin der Bremischen Evangelischen Kirche, Birgitte Boehme, mit Propst Dr. Martin Schomaker für die katholische Kirche in Bremen sowie mit Dr. Iris Spieß, Mitglied der Bremischen Bürgerschaft für die SPD.

Dabei verteidigte Thierse das historisch gewachsene Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Deutschland, das bei aller Trennung auch auf Kooperation setze. Die Entfernung von Kruzifixen aus Schulräumen könne er auch als Parteinahme des Staates für eine säkulare Weltanschauung und als Ablehnung des Christentums deuten, und nicht als weltanschaulich neutrale Position des Staates. Thierse plädierte dafür, dass der Staat die verschiedenen Überzeugungen und Religionen beteiligen und zum Dialog einladen sollte, statt sie zu verdrängen.

Propst Dr. Martin Schomaker warnte vor einem Rückzug der Kirche in die Sakristei. „Suchet der Stadt Bestes“ sei seine Devise. Christen müssten die Probleme der Stadt in den Blick nehmen. Deshalb sei ein gemeinsames Eintreten der Kirchen mit Gewerkschaften und Politik für den Sonntagsschutz wichtig. Im Bereich des ehrenamtlichen Engagements seien viele Kirchengemeinden Vorreiter.

Birgitte Boehme betonte, dass es Kirche und Politik um das Wohl des Menschen gehe. Die Bremische Evangelische Kirche habe sich bewusst für das Schwerpunktthema „Armut und Reichtum in Bremen“ entschieden, um ihre sozial-diakonische Arbeit zu stärken. Die Kirchengemeinden vor Ort seien sehr nahe bei den Menschen und hätten oft einen schärferen Blick für ihre Nöte und Bedürfnisse als Politik und Verwaltung. Iris Spieß plädierte für eine engere Zusammenarbeit von Kirche und Politik in den Stadtteilen. Im Blick auf die Bürgerbeteiligung und die Transparenz von Entscheidungen könnte die Politik insbesondere von der evangelischen Kirche viel lernen.

Boehme und Schomaker wiesen auf die unbefriedigende Situation beim Biblischen Geschichtsunterricht (BGU) an den öffentlichen Schulen in Bremen, der häufig ausfalle oder fachfremd unterrichtet werde. Nach Thierse habe in Berlin die Zurückdrängung des Religionsunterrichts aus den staatlichen Schulen dazu geführt, dass mehr kirchliche Schulen gegründet werden. Vielen Eltern sei es wichtig, dass ihre Kinder früh ethische und religiöse Werte vermittelt bekommen.

Propst Schomaker kritisierte, dass Bremen im Blick auf die Refinanzierung von Schulen in freier Trägerschaft Schlusslicht unter den Bundesländern sei. Die meisten der katholischen Grundschulen in Bremen seien in Problemstadtteilen und nähmen zahlreiche Kinder mit Migrationshintergrund auf. Sie seien grundsätzlich offen für alle. Der Kirche gehe es nicht um Abgrenzung, sondern um Identität und Dialogfähigkeit.

Die Veranstalter, Gerald Wagner und Christian Wietfeldt vom Arbeitskreis Christinnen und Christen in der SPD in Bremen, waren mit der von Beate Hoffmann moderierten Diskussion zufrieden und wollen sie fortsetzen, demnächst auch mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Religionsgemeinschaften in Bremen.

 

Bilder (Martina Höhns)

Religion und Politik im Dialog am 29. März 2011 in Bremen. Von links nach rechts: Dr. Iris Spieß, Propst Dr. Martin Schomaker, Gerald Wagner, Brigitte Boehme, Wolfgang Thierse, Beate Hoffmann, Christian Wietfeldt.