Aktuelle Mitteilungen

Aktuelle Mitteilungen

16.05.2011

Debatte über Präimplantationsdiagnostik

Frauenverbände, Behindertenorganisationen, katholische Kirche lehnen PID ab

Dr. Silja Samerski sprach im Kirche über Präimplantationsdiagnostik

Bremen (mh) Frauenverbände, Behindertenorganisationen und die katholische Kirche: Das sind nach Analyse von Dr. Silja Samerski die stärksten Kritiker der Präimplantationsdiagnostik (PID), also einer Zulassung vorgeburtlicher Tests an künstlich erzeugten Embryonen in Deutschland.

Bei der PID werden im Reagenzglas künstlich erzeugten Embryonen Zellen entnommen, um sie auf bestimmte Erbkrankheiten oder Gendefekte zu testen. Nur Embryonen ohne erkennbaren Befund werden der Frau eingepflanzt. Die so genannten „überzähligen“ Embryonen werden „verworfen“, sterben also.

Die Kritiker der PID sind überzeugt: Niemandem steht das Recht zu zwischen lebenswertem und nicht lebenswertem Leben zu unterscheiden. Sie haben Sorge, die PID werde zu einer Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen führen. Und sie kritisieren, dass PID nicht Linderung oder Therapie, sondern die Verhinderung von Leben anziele. Mediziner würden so zu einer Art „Gesundheitspolizei“, die bestimme, welche Menschen geboren werden dürften. In anderen Ländern habe sich gezeigt: Eine enge Zulassung von PID in begrenzten Fällen führe langfristig immer zu einer Ausweitung. Schließlich seien Zweifel angebracht, ob aufgrund genetischer Befunde überhaupt tatsächlich sichere Voraussagen zum Auftreten bestimmter Krankheiten gemacht werden könnten.

Für die Humangenetikerin und Philosophin Silja Samerski, die am 9. Mai im AtriumKirche in Bremen über die aktuelle PID-Debatte informierte, zeigt sich auch in der Sprache, um was es bei der PID gehe. Es werde bewusst ein „Laborvokabular“ verwendet, bei dem von „Eizellproduzentinnen“ und „Samenspendern“ die Rede sei. Frauen mit Kinderwunsch würden gezielt einer Industrie zugeführt, die in der Fortpflanzungsbranche ein Milliardengeschäft wittere.

Das führe zu einer Technisierung des Kinderkriegens, bei der Kinder „gemacht“ und zu Produkten von Entscheidungen und Technik würden. Technischen Verfahren sei es eigen, dass sie immer weiter optimiert werden müssten. Folge sei der moderne Mythos, dass sich die Natur optimieren und der perfekte Mensch herstellen ließe. Samerski spricht von der „Gengläubigkeit“ als neuer Glaubensform. Der Sinn für die „Geburtlichkeit“ des Menschen gehe dadurch verloren. Die aber gehöre ebenso zum Wesen des Menschen wie seine Sterblichkeit. Besonders Hannah Arendt habe deutlich gemacht: Jeder Geburt wohne ein Neuanfang inne, der nicht planbar und berechenbar sei.

Silja Samerski ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Das Alltags-Gen“ am Institut für Soziologie und Sozialpsychologie (IFSS) der Universität Hannover. Sie möchte im Vorfeld der Bundestagsentscheidung über eine gesetzliche Regelung der PID, die voraussichtlich im Juni stattfindet, Menschen aufklären und für die Probleme der vorgeburtlichen Diagnostik sensibilisieren.

Bilder (Martina Höhns): Dr. Silja Samerski bei ihrem Vortrag über PID im AtriumKirche am 9. Mai 2011.