Aktuelle Mitteilungen

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Ich bin das Brot
des Lebens.

Joh 6,48

30.03.2012

Rosette / Bild: © Dr. Martina Höhns

Alle Bilder: © Dr. Martina Höhns

Predigtfenster / Bild: © Dr. Martina Höhns
Pfingstfenster / Bild: © Dr. Martina Höhns
Weihnachtsfenster / Bild: © Dr. Martina Höhns

Die universale Sprache von Farbe und Licht

Pfarrer Adalbert Keilus erschließt die Kirchenfenster von Alfred Manessier

Wahrnehmen und individuelle Empfindungen zulassen, das steht am Beginn jeder Betrachtung. „Wir haben alle Augen und können Formen, Farben und das Licht so aufnehmen, wie es uns entspricht“. Diese Einladung stellt Ehrendomherr Adalbert Keilus an den Beginn seiner Meditation über die Kirchenfenster von Alfred Manessier in der Kirche Unser Lieben Frauen in Bremen.

Dass die Botschaft der Farben und des Lichts von allen Menschen verstanden werden kann, begeistert Pfarrer Keilus seit seiner Arbeit mit Kindern und Jugendlichen. Die Kirchenfenster, die der französische Künstler Manessier zwischen 1964 und 1979 für die evangelische Gemeinde in der Bremer Innenstadt geschaffen hat, entfalten ihre Botschaft auch ohne Kenntnis biblischer Stellen.

Genau das war eine der Erwartungen, die die ursprünglich calvinistisch geprägte Gemeinde in den 1960er Jahren an den katholischen Künstler hatte. Zuvor gab es lange theologische und gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen: Durfte eine Gemeinde angesichts des Biafra-Kriegs und von Hungersnöten soviel Geld für neue Fenster ausgeben? Passte die ungegenständliche Kunst des von Trappistenmönchen geprägten Katholiken zu einer Gemeinde, die vom Wort und von protestantsich-demokratischen Strukturen bestimmt war?

Im Prozess des gemeinsamen Nachdenkens zwischen Gemeinde und Künstler sind vier Hauptfenster sowie 16 weitere Fenster entstanden. Pfarrer Keilus beginnt seine Meditation mit dem großen „Pfingstfenster“ im Chorraum. Er lenkt den Blick seiner Zuhörer auf die ruhigen gelbroten Farben im oberen Teil, eine „meditative Beruhigung“ für den Betrachter. Von dieser „Ruhezone“ geht eine gewaltige Schwungbewegung aus bis in die Tiefen hinunter, die vieles, aber noch nicht alles, ergreift und mitreißt.

Pfarrer Keilus deutet das Fenster als Sinnbild für das menschliche Leben: Leben ist Bewegung, Menschen müssen in Bewegung bleiben, sich ergreifen und mitreißen lassen und durchlässig werden für das Licht und den Geist Gottes. In jedem Leben gibt es starre Bereiche, die noch von der Bewegung erfasst werden müssen. Der christliche Glaube setzt in Bewegung. Auch die ganze Schöpfung ist in Bewegung, in Evolution. Eine Gemeinde, die starr geworden ist, nicht mehr sucht und nur noch um sich kreist, stirbt. Der Geist Gottes ist immer ein „Störenfried“ der Gemeinde. Aber auch in der Bewegung gibt es Phasen der Beruhigung, der Verlangsamung. Diese Zeiten sind nötig, damit Menschen nicht hektisch und nervös werden.

Ähnlich lebenspraktisch deutet Pfarrer Keilus das „Weihnachtsfenster“ im nördlichen und das „Predigtfenster“ im südlichen Seitenschiff sowie die Rosette, das so genannte „Marienfenster“, im Westen über der Orgel.

Beim „Weihnachtsfenster“ dominieren in der Mitte rote, an den Seiten kühle blaue Farbtöne, die sich auf einander hin zu bewegen scheinen. Für Pfarrer Keilus geht es in diesem Fenster um Begegnung: um die Begegnung zwischen Gott und Mensch, zwischen Maria und Elisabeth, um die Heilsgeschichte als Begegnungsgeschichte. Menschen sollen sich freigeben für den anderen, sich gegenseitig beschenken und sich nicht abkapseln. Jesus hat auch mit denen die Begegnung gesucht, die weggelaufen sind.

Das „Predigtfenster“ neben der Kanzel ist dem Wort gewidmet: dem Wort Gottes in der heiligen Schrift, in der Geschichte und in der Ansprache des Einzelnen. Aber auch dem menschlichen Wort, das anderen gut tun oder sie verletzen kann. Was ein Wort letztlich bewirkt, weiß keiner, der es spricht, so Pfarrer Keilus. In dem Fenster gibt es keine unbeleuchteten Zonen: das Wort entfaltet überall seine Wirkung. Das soll, so ist der Geistliche überzeugt, den Predigern Mut machen, dass sie niemals ins Leere sprechen. Gott gibt den Menschen „Wortproviant“ für alle Lebenssituationen mit. Das Andreaskreuz in der Mitte weist darauf hin, dass das Wort Gottes das Leben eines Menschen auch durchkreuzen und korrigieren oder aufrichten kann. Der Mensch und jede christliche Gemeinde ist dazu berufen, Worte weiterzugeben und zu hören.
 
Die Vielgestaltigkeit des Lebens und der Menschen stehen für Pfarrer Keilus im Mittelpunkt des „Marienfensters“. Es ist in Blautönen gehaltenen und bildet die Rosette im Westen. Jeder Mensch ist anders, so wie die Teile der Rosette verschieden sind, aber alle gehören zueinander. Im Zentrum steht Gott, der alles zusammen hält. Der dunkle Kreis in der Mitte der Rosette weist auf das unergründliche Geheimnis Gottes, das Menschen nie ganz zu erfassen vermögen. In ihrem Leben haben Menschen Teil am Licht und an der Undurchdringlichkeit Gottes.

Zum Schluss seiner Meditation, die bei jedem Fenster durch Lesungen aus der Bibel ergänzt wird, macht Pfarrer Keilus seinen Zuhören Mut, eine Blume oder ein Lichtstrahl für andere zu sein. Jeder hat etwas zu geben, das ihm von Gott geschenkt wurde.

Am 5. Dezember 2011 wäre der französischen Künstlers Alfred Manessier 100 Jahre alt geworden. Aus diesem Anlass begeht die Gemeinde Unser Lieben Frauen derzeit ein "Jahr für Alfred Manessier" mit vielen besondern Veranstaltungen, wie Führungen, Vorträgen und Konzerten.

Bilder (Martina Höhns):
Pfingst-, Weihnachts-, Predigt- und Marienfenster von Alfred Manessier in der Kirche Unser Lieben Frauen in Bremen.

Weitere Informationen über die Fenster finden Sie hier.

Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 30.03.2012