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1 Thess 5,21

27.07.2012

Frischer Wind in Bremen

Zeitzeugen berichten von ihren Konzilserfahrungen

Für die einen war es, als ob einem zunächst der Boden unter den Füßen weggerissen wurde: „Auf einmal war nichts mehr so, wie ich es gelernt hatte. Ein ganzer Wolkenkratzer brach in meinem Leben zusammen“, sagte die Franziskanerin Judith Terheyden. „Ein neuer Aufbruch in die Freiheit“, eine neue „Zuwendung zur Welt“ und ein Abschied von der „Überautorität“ der Priester war das Konzil für den 87jährigen Dominikanerpater Williges Kretschmer, der von 1970 bis 1995 Seelsorger in Bremen war.

Die beiden Ordensleute diskutierten mit Ehrendomherr Adalbert Keilus und dem Ehepaar Heinz und Monika Ortmann am 25. Juli beim Sommerfoyer in Bremen über ihre Erfahrungen mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, das am 11. Oktober 1962 in Rom eröffnet wurde. Unter dem Titel „Frischer Wind in Bremen“ hatte Propst Dr. Martin Schomaker erst zum Gottesdienst in die Propsteikirche St. Johann und dann zur Diskussion in den Willehadsaal eingeladen.

Vier Veränderungen sind es, die Pater Williges besonders mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil verbindet: Die sich rasant verändernde Welt außerhalb der Kirche und die Sorgen und Nöte der Menschen wurden wieder ernst genommen. Die katholische Kirche öffnete sich anderen Konfessionen und Religionen und erkannte die Religionsfreiheit an. Und schließlich führte das Konzil zu einer selbstkritischen Reform in den eigenen Reihen. Beispielsweise habe Kardinal Josef Frings mehr Kompetenzen der Ortskirchen gegenüber Rom gefordert.

Zentral für Ehrendomherr Adalbert Keilus war die neue Art der Bibelauslegung, die auch zu einer stärkeren Zusammenarbeit mit evangelischen Christen in Bremen geführt habe. Dazu kam der jüdisch-christliche Dialog. In Bremen sei es möglich gewesen, dass er als katholischer Priester über viele Jahre den evangelischen Arbeitskreis Juden und Christen in Grolland geleitet habe. „Stillstand ist in beiden Bereichen nicht gestattet“, so der heute 84 Jährige. In der Ökumene müsse man sich gegenseitig helfen, um gemeinsam neue Wege der Verkündigung zu finden. „Wir müssen erkennen, dass wir zusammen gehören.“

Keilus, der seit 1960 als Priester in Bremen tätig ist, erinnerte sich noch gut, wie er und andere die Konzilsberichte des Jesuiten und Publizisten Mario von Galli gelesen und weiter verbreitet haben. Gemeinsam mit Propst August Sandtel nahm er 1964 am liturgischen Kongress in Mainz teil. Die dort diskutierten Neuerungen habe man mit einer kleinen Gruppe in die Bremer Gemeinden hineingetragen.

Pater Williges schilderte, wie der Fronleichnamsgottesdienst 1972 aufgrund des schlechten Wetters erstmals im evangelischen St. Petri Dom stattfinden konnte. In den 1970er Jahren sei er von der evangelischen Ansgariigemeinde eingeladen worden, am Reformationstag zu predigen. Gemeinsame Bibelwochen und Predigertausch, ökumenische Seniorennachmittage, Feste und Trauungen, die Zusammenarbeit von Caritas und Diakonie und der Weltgebetstag der Frauen wurden in Bremen selbstverständlich. Evangelische Chöre sangen katholische Messen in katholischen Kirchen, staatliche Schulen wie das Kippenberg-Gymnasium und die Synagoge öffneten sich der Zusammenarbeit. Am Requiem für Papst Johannes Paul I. in Bremen hätten viele evangelische Pastoren teilgenommen.

Eine herausragende Rolle komme Papst Johannes XXIII. zu, der ganz allein den Anstoß zum Konzil gegeben habe. Dieser Papst habe bei der Eröffnung des Konzils statt der Tiara, der päpstlichen Krone als Zeichen der Macht, eine einfache Mitra getragen und sei nicht in der Papstsänfte, sondern zu Fuß in den Petersdom eingezogen. Er habe keine Berührungsängste gehabt, auch nicht mit dem Zentralkomitee der Kommunisten in Moskau. Heinz Ortmann erzählt von einer Begegnung, die er 1958 mit dem späteren Papst in Venedig hatte, als Angelo Guiseppe Roncalli noch Patriarch von Venedig war: „Das war ein Mann, der in Bewegung war.“

Ortmann kam 1967 nach Bremen und hat sich dort sofort in der St. Elisabeth-Kirche in Hastedt engagiert. Das Konzil habe er „aufgesogen wie ein Schwamm“. Er war aktiv im ersten Pfarrgemeinderat, der damals monatlich öffentlich getagt habe. Auch beim Neubau der Kirche konnte die Gemeinde mitwirken. „Wir haben darauf geachtet, dass alles eine dienende Funktion für die Gemeinschaft hat.“ Als einer der ersten Bremer absolvierte er die Ausbildung zum Kommunionhelfer in Osnabrück. Noch gut erinnert er sich daran wie revolutionär es war, dass auch den vielen gemischtkonfessionellen Ehepaaren die Kommunion nicht mehr verweigert wurde. Besonders freut sich Ortmann, dass Kinder heute in jedem Gottesdienst willkommen sind.

Frau Monika Ortmann, die das Konzil als Schülerin erlebt hat, war froh, dass „der Alleinseligmachungsanspruch der Kirche“ aufgegeben wurde. Aber es sei ihr, wie vielen anderen Frauen, anfangs nicht leicht gefallen, „sich zu trauen“, egal ob als Lektoren oder als Kommunionhelferinnen.

Eindringlich schilderte Ehrendomherr Adalbert Keilus die Verunsicherungen, die mit dem neuen Verständnis der Kirche als Volk Gottes besonders auf den Klerus zukamen: „Was bleibt eigentlich noch von uns, wenn das Volk Träger des Gottesdienstes ist?“ hätten sich viele Mitbrüder gefragt. Das neue Amtsverständnis, nach dem alle Ämter ein Dienst für andere sind, sei in der Kirche noch immer nicht ganz realisiert. Auch Pater Williges erinnert sich daran, wie insbesondere die Anerkennung der Religionsfreiheit bei vielen Sorgen ausgelöst habe: „Gibt die Religionsfreiheit nicht dem Irrtum freie Bahn und schadet sie nicht der Autorität der Kirche?“

Schwester Judith, die seit 1988 in Bremen arbeitet, sei der Abschied von der „Altehrwürdigkeit“ der Ordensschwestern nicht schwergefallen. Die neue Weltzugewandtheit und das zentrale Motto „frei in Christus“ hätten diese Zeit bestimmt. In dem „Trümmerhaufen“ der alten Lehren, der durch die Änderungen des Konzils entstanden sei, habe sie „viel gutes Baumaterial“ gefunden. „Wir sind mit dem Konzil noch lange nicht fertig“, so die Franziskanerin. Heute treibe sie die Frage um, wie Ordensleute für die Menschen da sein und von der „leuchtenden Gestalt Christi“ Zeugnis geben können. Insbesondere das Wirken von Frauen in der Kirche müsse mehr Achtung erfahren, sagte sie unter dem Applaus der Zuhörer.

Vielfältig waren die Erfahrungen mit der Liturgiereform: Ehrendomherr Keilus schilderte wie er als junger Priester gelernt habe, die „reine liturgische Objektivität“ zu sein und in der Liturgie „sein Ich auszulöschen“. Heute sei es für ihn immer ein neues Wagnis, auszuloten, was in der Liturgie angemessen ist: „Zuviel Subjektivität ist auch nicht gut. Die Liturgie braucht die Beweglichkeit des Herzens. Der Priester darf sich nicht für die einzige entscheidende Person halten“, so Keilus, der auch durch seine vielen Reisen nach Afrika einen neuen Zugang zur Liturgie bekommen hat. Pater Williges riet zu mehr Schlichtheit und Einfachheit, ohne dabei die Autorität aufzugeben. „Wir brauchen Symbole, aber ebenso wichtig ist die Stille, die mir heute in vielen Gottesdiensten zu kurz kommt.“ Bei allem Sinn für Gemeinschaft müsse im Gottesdienst ein Freiheitsraum für den einzelnen bleiben. Schwester Judith zeigte sich erleichtert, dass mit der Liturgiereform „die Rennerei vor dem Altar aufhörte“ auch wenn die Messdiener zunächst in Sorge waren, sie könnten nichts mehr zu tun haben. „Vor dem Konzil mussten wir weiße Handschuhe tragen, um den Kelch anzufassen“ erinnerte sich die Franziskanerin. Prof. Hans Kloft, der zu den gut 80 Gästen des Sommerfoyers gehörte, warnte davor, das Latein in der Kirche den Piusbrüdern zu überlassen. Es sei gut, dass die katholische Kirche das Latein pflege, sagte der emeritierte Professor für Alte Geschichte an der Universität Bremen und Vizepräsident der Wittheit zu Bremen.

Einigkeit bestand darin, dass heute erst ein Bruchteil dessen umgesetzt ist, was das Konzil und im Anschluss die Würzburger Synode der Bistümer in Deutschland angestoßen haben. „Die heutige Zeit ist eine große Gnadengabe Gottes an uns“, zeigte sich Ehrendomherr Keilus überzeugt. Denn wenn die Not groß sei, kämen auch neue Perspektiven in Sicht.

Bilder (Martina Höhns):
Von rechts nach links: Schwester Judith Terheyden, Monika Ortmann, Heinz Ortmann, Pater Williges Kretschmer OP, Ehrendomherr Adalbert Keilus.

Pressemitteilungen des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 27.07.2012.