Aktuelle Mitteilungen

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20.11.2015

Propst Dr. Martin Schomaker, Bürgermeister Dr. Carsten Sieling, Prälat Dr. Karl Jüsten / Foto: Christoph Brüwer, Kath. Gemeindeverband

Migration als Megathema der Einen Welt

Prälat Karl Jüsten warnt vor Politikverdrossenheit und ruft zu politischem Engagement auf

Vor Politikverdrossenheit und einem Rückzug in das geschlossene Milieu einer „Kuschelkirche“ hat Prälat Dr. Karl Jüsten gewarnt. Beim Willehad-Empfang des Katholischen Büros Bremen forderte er Christen dazu auf, die Gesellschaft aktiv mitzugestalten, sich für das Gemeinwohl einzusetzen und Politik im globalen Kontext zu verstehen: „Ein Christ ist dazu berufen, die bestehenden Verhältnisse zum Besseren zu verändern“, sagte der Leiter des Kommissariats der Deutschen Bischöfe in Berlin. Migration sei das Megathema der Einen Welt, ebenso wie der Frieden, das Klima, das Zusammenleben der Religionen, Ressourcen und Energie.

Jüsten beschrieb den Pluralismus als Wesensmerkmal moderner Demokratie. Wer die individuelle und kollektive Religionsfreiheit nicht anerkenne, werde sich mit der freiheitlichen Demokratie schwer tun: „Wie will jemand die Demokratie anerkennen, der dem anderen nicht zugesteht, dass er nach seiner eigenen Wahrheit leben darf“, fragte Jüsten im Festsaal des Bremer Rathauses. „Die Akzeptanz der Religionsfreiheit ist für das friedliche Zusammenleben in einem Land, in dem Menschen mit unterschiedlichen Religionen zusammenleben, existentiell“, sagte Jüsten.

Jüsten rief dazu auf, engagiert für die Demokratie einzutreten: „Die Feinde der Demokratie werden in uns Christen immer engagierte Gegner finden“, so der 54-Jährige. Die Kirche müsse in der Welt engagiert sein und den Anspruch haben, diese zu gestalten, durch Seelsorge in den Gemeinden, in den Einrichtungen der Caritas, in Schule, Hochschule und Verbänden. „Eine Kirche um ihrer selbst willen hört auf Kirche zu sein“, sagte der Geistliche. Er wies darauf hin, dass auch außerhalb der so genannten Amtskirche vielfaches, christliches Engagement lebe. Das belege der große Einsatz vieler Haupt- und Ehrenamtlicher für die Flüchtlinge in Deutschland.

Auch innerhalb der christlichen Kirchen gebe es einen großen Pluralismus: „Man kann sich gut protestantisch bzw.- katholisch fühlen und trotzdem lieber ‚bei Werder‘ sein als in den Sonntagsgottesdiensten“, stellte der gebürtige Rheinländer fest. Bei allem Pluralismus innerhalb des Christentums gebe es bei wirklich existentiellen Themen große Einmütigkeit besonders unter katholischen und evangelischen Christen, etwa beim Verbot der geschäftsmäßig betriebenen Suizid-Beihilfe oder bei der Einschätzung der aktuellen Gesetzesverfahren zur Begrenzung von Asylsuchenden und Flüchtlingen: „Wir erheben mahnend unsere Stimme, wenn das Asyl- und Flüchtlingsrecht aufgeweicht werden soll“, sagte Jüsten. Ohne ökumenische Gesinnung könne er sich Politik nicht mehr vorstellen. Eine Herausforderung sieht Jüsten im interreligiösen Dialog und rief dazu auf, das Gespräch mit den anderen Religionen in politischen Fragen zu suchen.

Angesichts der aktuellen Debatte über Sterbehilfe sprach sich Propst Dr. Martin Schomaker in seiner Begrüßung für einen Ausbau der Palliativmedizin und der Hospizarbeit aus sowie für ein Verbot der geschäftsmäßig organisierten Hilfe zum Suizid. Er kritisierte die Rahmenbedingungen im Gesundheitswesen, die immer mehr zur „Medizinwirtschaft“ würden. „Ich sehe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe darin, dass wir uns für ‚Zeit haben‘ im Bereich Medizin und Pflege einsetzten“, sagte der oberste Repräsentant der katholischen Kirche in Bremen. Er dankte allen Menschen, die sich in der Begleitung und Betreuung von alten, kranken und sterbenden Menschen einsetzen.

Im Blick auf den Wandel der Bestattungskultur sei es den Kirchen wichtig, dass Angehörige, Nachbarn und Freunde des Verstorbenen einen öffentlich zugänglichen Ort für die Trauer hätten. Der Katholische Gemeindeverband beabsichtige in einer Kirche ein so genanntes Kolumbarium einzurichten, also einen Ort, an dem Urnen beigesetzt werden können. Das Wort kommt aus dem Lateinischen und bedeutete ursprünglich: Taubenschlag. Wegen der optischen Ähnlichkeit wurden schon im alten Rom reihenweise angeordnete Nischen für die Urnenbestattung ebenfalls als Kolumbarium bezeichnet. Bremen hatte Anfang des Jahres als erstes Bundesland das Bestattungsrecht dereguliert und das private Ausstreuen der Asche von Verstorbenen auf Privatgrund oder auf eigens dafür ausgewiesenen öffentlichen Flächen erlaubt.

Propst Dr. Martin Schomaker sprach sich für den Schutz der Sonn- und Feiertage aus, insbesondere für den Schutz der so genannten stillen Feiertage wie den Karfreitag. Gemeinsame freie Zeit sei wichtig für den Zusammenhalt einer Gesellschaft. Die stillen Feiertage würden den gesellschaftlichen Zwang von Leistung und Konsum unterbrechen. Im Land Bremen wurde der Schutz der stillen Feiertage seit mehreren Jahren immer stärker aufgeweicht.

Zuvor hatte Dr. Daniela Engelhard in ihrer Predigt im Vespergottesdienst im Bremer Dom zu einem neuen Nachdenken über den Umgang mit Zeit und Zeitdruck in der Gesellschaft aufgefordert. Angesichts des enormen Beschleunigungsdrucks in der Arbeitswelt, in Freizeit und Familie, könnten die Kirchen „Orte der Entschleunigung“ sein, die eine Unterbrechung des Alltags ermöglichen. Die Leiterin des Seelsorgeamtes im Bistum Osnabrück lud in Anlehnung an die Theologin und Philosophin Edith Stein dazu ein, „Zeit als Gabe Gottes“ zu sehen, „ die sich in jedem Augenblick erneuert“.

Am Willehad-Empfang am 4. November in Bremen nahmen gut 200 geladene Gäste aus Politik, Kirche und Gesellschaft teil.

Bremen (mh) Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 04.11.2015.