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1 Thess 5,21

22.12.2016

Die Mär von der Toleranz der Bremer

Wilhelm Tackes neues Buch

Dem Autor Wilhelm Tacke ging die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit im Brustton der Überzeugung vorgetragene Behauptung, Bremen sei tolerant, irgendwann auf den Kecks, zumal sie für ihn so klang, als seien die Bremer bereits unter Karl dem Großen tolerant gewesen. Sie waren es nicht, sondern erschlugen die „Genossen“ des angelsächsischen Missionars Willehad.

Tacke beschloss daher, der Sache mal auf den Grund zu gehen, wusste er doch dass der hochweise Rat wie der gemeine Bremer seinen Katholiken gegenüber bis ins 19. Jahrhundert äußerst intolerant gewesen waren. Denn Katholiken konnten nach dem Westfälischen Frieden weder ein Haus kaufen oder mieten, wurden nicht in die Zünfte aufgenommen, noch konnten sie das Bürgerrecht erwerben.  Im 17 Jhd. erwarben ganze 3 Katholiken das Bürgerrecht, im 18. Jhd. 21 und bis 1845 immerhin schon 31.

Der Rat als summus episcopus war nach damaliger Sitte für das Seelenheil seiner Bürger zuständig. Er versucht daher mit allen Mitteln Andersgläubige - Papisten, Lutheraner und Juden -  von der Stadt fernzuhalten. Das erste Drittel des Buchs beschäftigt sich mit den Diskriminierungen, die die Katholiken zwischen 1648 und 1806 erdulden mussten, während die letzten Kapitel sich mit der Annäherung der beiden Kirchen nach dem 2. Weltkrieg und der Ökumene in Bremen beschäftigt.

Was die Vorurteile und die Hetze gegen die Jesuiten bewirken können, belegt das Attentat auf Schüler der St. Marien-Schule: 20. Juni 1913 stürmt der verwirrte mecklenburgische Pastorensohn Heinz Schmidt, ein Lehrer bewaffnet mit zehn Pistolen und rund tausend Patronen in die St.-Marien-Schule. Ergebnis: Vier siebenjährige Schülerinnen sterben sofort, eine erliegt ihren Verletzungen im St. Joseph-Stift. Der Lehrer Hubert Möllmann, der sich dem Mörder entgegenstellt, überlebt  schwer angeschossen. 

Auch die Lutheraner im Dom mobbte der Rat als summus episcopus, bzw. Notbischof der Reformierten, so gut er konnte; von den wenigen Juden gar nicht zu reden, die Bürgermeister Smidt am liebsten noch nach der Franzosenzeit aus der Stadt hinausgeekelt hätte.

Doch Tacke belässt es nicht beim Levitenlesen über die Diskriminierung von Lutheranern, Katholiken und Juden zwischen 1648 und 1803 seitens des Rats, sondern er schilderte süffisant, dass die französischen Besatzer nach 1806 - den Revolutionsslogan: „Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit“ im Kopf - dem hochweisen Rat in Sachen Toleranz Beine machten: Plötzlich bekamen die Katholiken, die 155 Jahre ohne eigene Kirche gewesen waren, gleich vier Kirchen angeboten und Juden erhielten erstmals das Bürgerrecht.

Er untersuchte auch, ob es Gründe gab, weshalb die Bremer sich so selbstbewusst für tolerant hielten. Er erinnert an die Inschrift über dem Brückentor, die Bremen zum „Hospitium ecclesiae“ erklärte. Doch stand das Stadttor nur für Gleichgesinnte offen, für reformierte Glaubensflüchtlinge aus den Niederlanden und Hugenotten aus Frankreich. Allerdings wurde der Slogan noch einmal im 19. Jahrhundert bemüht, als – salopp ausgedrückt – schräge Vögel am protestantischen Theologenhimmel aus dem gesamten Reich in Bremen landen konnten, sofern eine Gemeinde ihnen nach der Probepredigt ein Nest baute.

Hinzu kam, dass der Senat die Sozialistengesetze nicht so rigoros anwandte, wie Berlin das gern gesehen hätte. So fand beispielsweise Friedrich Ebert nach längerer Wanderschaft und diversen Ausweisungen in Bremen eine Heimat.

Auf der Suche nach bremischer Toleranz wurde Tacke in einem Reisebericht fündig. Anno 1799 behauptete nämlich der Rektor des lutherischen Stadtgymnasiums, Hermann Bredenkamp, dem Osnabrücker Staatsmann Justus Gruner gegenüber, „Toleranz sei vorzüglich eine Haupteigenschaft des bremischen Charakters“; eine kecke Behauptung, die der holländische Reisende Michiel Dassen noch 1835 widerlegt: „Juden sind hier nicht, da die Bremer diesen Menschen in einer für das 19. Jahrhundert schändlichen Weise nicht nur das Wohnen untersagten, sondern auch bestätigte Bürger, die dieser Religion angehörten, kurz nach Erringen ihrer Freiheit“ (unter den Franzosen) „weggejagt haben. Damit gibt die Republik wieder einmal einen neuen Beweis dafür, dass Republiken oftmals tyrannischer handeln als Monarchien.“

Natürlich untersuchte Tacke auch, ob sich die Bremer in der Nazizeit anders verhielten, als anderswo im Reich; Antwort: „Nein“. In den letzten Kapiteln bescheinigte er den Bremern aber generös, es inzwischen geschafft zu haben, tolerant zu sein, wenn auch nicht flächendeckend, wie u. a. die Hetze gegen die Affenversuche belegt.

Toleranz bzw. Ökumene herrscht inzwischen auch zwischen den beiden Kirchen, die nach dem zweiten Weltkrieg aufeinander zugehen, die Ökumene entdecken und es auf diesem Feld inzwischen ganz schön weit gebracht zu haben - wenn man die Wutpredigt von Pastor Lazel mal ausnimmt -. Auch untermauert eine ganze Reihe von Katholiken, die es in Bremen zu etwas gebracht haben, dass es inzwischen in Bremen kein Makel mehr ist, katholisch zu sein. Noch vor einigen Jahrzehnten wäre das unmöglich gewesen. So ist der Sektor der Kunst nahezu komplett in katholischer Hand. Natürlich vergisst Tacke die gängigen Vorurteile nicht, die der gemeine Bremer Katholiken gegenüber hatte. Er behauptet jedoch, die seien heute weitgehend verschwunden.

Das alles wird, wie bei Tacke üblich, nicht bierernst oder mit Zornesfalten auf der Stirn erzählt, sondern mit einer Vielzahl von Anekdoten untermauert, in lockerer, gut verständlicher Sprache und mit einer gehörigen Portion Humor geschildert, die das Buch trotz der nicht verschwiegenen Konflikte versöhnlich erscheinen lässt.

Das Buch ist – wie Tacke im Vorwort andeutet – sein Beitrag zum Reformationsjubiläum. Denn die Reformation brachte zwar für die einen Befreiung und für die anderen aber Be- bzw. Unterdrückung. Und man fügte sich gegenseitig Verletzungen zu. Deshalb findet auch während des 500-jährigen Reformationsjubiläums 2017 in Berlin und in Bremen ein von beiden Kirchen gewünschter Vergebungsgottesdienst statt. Er soll mit Versöhnungsgesten der Ökumene neuen Schwung verleihen. Da kann es nicht schaden, wenn man auch weiß, wofür man um Vergebung bitten könnte. Dieses Buch hilft u. U. dabei und kann, so hofft der Autor, einen Beitrag zur in der Freien Hansestadt längst begonnenen Versöhnung zwischen den Konfessionen leisten.

(Text: Edition Temmen)