Aktuelle Mitteilungen

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10.03.2017

Streetworker Jonas Pot d’Or und Teilnehmern der „nAcht für Nacht“ / Foto: Kath. Gemeindeverband - Christoph Brüwer

„Man wird nie wieder richtig schlafen können“

nAcht-Veranstaltung zum Leben auf der Straße

Einblicke in das Leben auf der Straße, das war es, was 14 Teilnehmer bei der Veranstaltung „nAcht für Nacht“ am 8. März gewinnen sollten. Der Bremer Streetworker Jonas Pot d’Or berichtete von seiner Arbeit und den Schwierigkeiten, die obdachlose Menschen haben.

„Warum will keiner obdachlos werden?“, fragte Jonas Pot d’Or provokant nach einer kurzen Vorstellungsrunde im Café Papagei, einem Tagestreff für wohnungslose und von Armut betroffene Menschen. Obdachlosigkeit sei keine selbst gewählte Entscheidung, sondern häufig das Ergebnis von Schicksalsschlägen, so Pot d’Or. Der Streetworker erklärte den Teilnehmern, dass im Laufe des Lebens jeder vierte Mensch wohnungslos werde, beispielsweise durch Streitigkeiten mit dem Partner oder Wohnungsbrände. In diesen Fällen greife normalerweise das soziale Netz des Menschen. Ein Problem sei es nur, wenn jemand dieses Netz nicht hat und so keine Übernachtungsmöglichkeit finden würde. Obdachlosigkeit sei daher ein Problem, das jeden betreffen könne. „Ich möchte darum nicht über die Obdachlosen sprechen, sondern über unsere eigene mögliche Obdachlosigkeit“, erklärte Pot d’Or.

Er verteilte faltbare Isomatten an die Teilnehmer und bat sie, sich in die Lage zu versetzen, keine Übernachtungsmöglichkeit zu haben. Er gab ihnen die Aufgabe, sich auf dem Weg zum Bahnhofsvorplatz einen geeigneten Schlafplatz für die Nacht zu überlegen. Dort angekommen setzten sich die Teilnehmer auf die Isomatten und der Streetworker erklärte, welche Probleme es beim Finden eines Schlafplatzes gibt, wenn der Schutzraum der eigenen Wohnung fehlt: Kälte und Feuchtigkeit, Sicherheitsdienste, die Obdachlose von öffentlichen Orten vertreiben oder Gewalt durch Passanten. Wer einen guten Schlafplatz gefunden habe, erzähle anderen daher nichts davon. „Man wird nie wieder richtig schlafen können“, berichtete Pot d’Or über die Auswirkungen von Gewalterfahrungen und die ständige Gefahr, verscheucht oder überfallen zu werden.

Verschiedene Anlaufstellen verteilen Schlafsäcke, Kleidung und Nahrung an obdachlose Menschen. Es sei jedoch schwierig, diese zu transportieren oder geeignete Verstecke dafür zu finden. Pot d’Or schilderte, wie viele Obdachlose immer wieder ihr Hab und Gut verlieren würden und so neu von vorne anfangen müssten. Der Streetworker erklärte, dass Perspektivlosigkeit das Leben auf der Straße bestimme: „Wenn ich länger obdachlos bin, bin ich raus aus der Gesellschaft. Ich sehe, dass das Leben auch ohne mich weitergeht. Und dass ich nicht gewünscht bin, sehe ich in den Blicken der Menschen, die vorbeigehen.“ Eine Rückkehr in längerfristige Arbeitsverhältnisse sei kaum noch möglich.

Die Idee hinter den „nAcht“-Veranstaltungen ist es, dass junge Menschen an jedem achten Tag eines Monats um 20 Uhr einen Abend mit wechselnden kulturellen, kulinarischen aber auch nachdenklichen, politischen oder religiösen Themen verbringen und so gemeinsam Bekanntes aus einer anderen Perspektive erleben können. Veranstaltet werden die „nÄchte“ von einem vierköpfigen Team: Fabienne Torst vom Katholischen Jugendbüro, Astrid Wiesbaum, Gemeindereferentin in der Propsteigemeinde St. Johann, Inga Müller, Gemeindereferentin in St. Raphael und Dr. Christoph Lubberich von der Katholischen Hochschulgemeinde.

In der nächsten „nAcht“ am 8. April um 20 Uhr wird an der St.-Johannis-Schule eine Station eines ökumenischen Jugendkreuzweges als Straßenkunst nach Stencil-Art gestaltet. Das Leiden Jesu soll so in die heutige Zeit übersetzt und aus einem anderen Blickwinkel betrachtbar werden.

Foto (Christoph Brüwer): Streetworker Jonas Pot d’Or gab den Teilnehmern der „nAcht für Nacht“ einen Einblick in das Leben auf der Straße.

Bremen (cb) Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 10.03.2017