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als was du mir schenkst.

Hl. Katharina von Siena

03.04.2012

Eingang zur Ausstellung / Bild: © Dr. Martina Höhns

Alle Bilder: © Dr. Martina Höhns

Exponat Wallfahrtsort / Bild: © Dr. Martina Höhns
Exponat Hl. Elisabeth / Bild: © Dr. Martina Höhns
Exponat Prothesen / Bild: © Dr. Martina Höhns

„Leib-Eigenschaften“ – Leben mit Behinderungen in der Vormoderne

Ein Gang durch die Ausstellung mit dem BDKJ-Landesvorsitzenden Christian Schubert

Bremen (mh) Besonders gut gefällt Christian Schubert, dass in der Ausstellung viele Sinne angesprochen werden: „Die Besucher können hören, sehen und tasten. Dadurch wird viel anschaulicher, wie Menschen mit Behinderungen früher gelebt haben“. Der 31jährige Landesvorsitzende des BDKJ-Bremen arbeitet im Büro des Landesbehindertenbeauftragten. Dadurch kam er indirekt mit der Konzeption und Umsetzung der Ausstellung in Berührung, die noch bis zum 30. April unter dem Titel „Leib-Eigenschaften. Der beschädigte Körper im Blick der Vormoderne“ im Bremer Haus der Wissenschaft zu sehen ist.

Gezeigt werden alte Lesesteine, Hörrohre und Prothesen. Aber auch Bilder von einer Wahnsinnigen in Ketten, der Heiligen Elisabeth oder einem Stadtschreiber ohne Arme, der mit seinen Füßen schreibt. „Die Ausstellung ist auf vorbildliche Weise um Barrierefreiheit bemüht“ erklärt Schubert: Sie ist geeignet für Rollstuhlfahrer und hat ein Blindenleitsystem auf dem Fußboden. Texte zum Hören und Lesen werden in Leichter Sprache, Gebärdensprache und vereinzelt in Braille angeboten. Einige Objekte, wie zum Beispiel die dreidimensionale Nachahmung des Gemäldes eines behinderten Mannes aus dem 16. Jahrhundert, können angefasst werden. Andere Bilder sprechen über besondere Soundsysteme schwerhörige Besucher an.

Es entsteht ein vielschichtiges Bild, wie die Gesellschaft in der so genannten Vormoderne zwischen 500 und1800 mit körperlichen und psychischen Auffälligkeiten von Menschen umgegangen ist. Für Christian Schubert, der seit seinem siebten Lebensjahr bei der DPSG in St. Marien aktiv ist, wird deutlich: „Mit dem Klischee vom finsteren Mittelalter räumt die Ausstellung auf“. In der „vor-modernen“ Zeit wurde der Mensch stärker als heute als Ganzes betrachtet und als Gottes Schöpfung wertgeschätzt. Zwar wurden in Kuriositätenkabinetten Merkwürdigkeiten aller Art ausgestellt, Herrscher ließen Porträts ihrer „Hofzwerge“ anfertigen und Flugblätter meldeten die Geburt von „Monstren“. Gleichzeitig gab es erstaunliche Karrieren: Der 1542 ohne Arme geborene Thomas Schweickert erhielt eine gute Ausbildung und schaffte es bis zum Stadtschreiber in Schwäbisch Hall, der 1570 sogar von Kaiser Maximilian II. in Audienz empfangen wurde.

Zu den Exponaten, die Christian Schubert besonders gefallen, gehört der nachempfundene Wallfahrtsort. „Für mich war es ganz neu, dass der Bremer Dom im Mittelalter ein bedeutender Wallfahrtsort war, zu dem Menschen von weit her kamen. Dass macht mich auch etwas stolz auf Bremen“. Die Ausstellung dokumentiert zwei Erzählungen aus einer Sammlung der Wunder des Heiligen Willehad, die Bischof Ansgar im 9. Jahrhundert zusammengestellt hat.

Ein interdisziplinäres Forscherteam aus Historikern, Archäologen, Anthropologen, Kunst- und Literaturwissenschaftlern hat die Ausstellung gemeinsam mit der Hochschule für Künste und einem Beirat unter Leitung des Bremer Landesbehindertenbeauftragten Dr. Joachim Steinbrück entwickelt. Unter den Schlagworten „das Bett“, „die Straße“, „der Wallfahrtsort“ und „die Wunderkammer“ umfasst sie vier Themengebiete: die Pflege von Kranken und Behinderten in Haushalten und Hospitälern, Mobilität und Bewältigung des Alltags, Wallfahrtsorte und Wunderheilungen in und um Bremen sowie den besonderen Reiz von so genannten Wunderkammern.

Christian Schubert wünscht sich, dass viele Jugendliche die Ausstellung besuchen. „Leider gibt es unter Jugendlichen noch oft Vorurteile gegenüber Menschen mit Behinderung“. Seitdem Schubert 2011 Landesvorsitzender des BDKJ in Bremen ist, bemüht er sich verstärkt um Kooperationen mit Einrichtungen für Menschen mit Behinderung wie zum Beispiel dem Bremer Martinsclub. „Ich kann allen Jugendgruppen empfehlen, sich die Ausstellung anzuschauen, die kostenfrei montags bis freitags zwischen 10.00 Uhr und 19.00 Uhr besucht werden kann.“

Die Ausstellung endet mit der modernen Version eines mittelalterlichen Totentanzes: projizierte schemenhafte Figuren von Menschen mit und ohne Behinderung, denen sich der Besucher anschließen kann, bewegen sich begleitet vom Sensenmann auf den Ausgang zu.

Bilder (Martina Höhns): Christian Schubert am Eingang zur Ausstellung „Leib-Eigenschaften“ in Bremen; Christian Schubert vor dem Exponat eines nachempfundenen Wallfahrtsortes; Christian Schubert vor einem Bild der Heiligen Elisabeth.

Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 02.04.2012