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Hl. Katharina von Siena

15.03.2012

Sozialethiker Hengsbach, Moderator Heimendahl, Senatorin Linnert, Wirschaftswissenschaftler Hickel beim 13. Ökumenischen Stadtgespräch / Bild: © Dr. Martina Höhns

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Bild: © Matthias Dembski

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"Lass keine Krise ungenutzt"

Hengsbach, Hickel und Linnert ziehen Lehren aus der Finanzkrise

Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 15.03.2012

„Lass keine Krise ungenutzt“
Hengsbach, Hickel und Linnert ziehen Lehren aus der Finanzkrise
 

Bremen (mh) Bankenkrise, Finanzkrise, Staatsschuldenkrise. Kaum ein Tag ohne solche Schlagzeilen, die vielen Menschen Angst machen. „Lass keine Krise ungenutzt“ war deshalb ein gutes Motto, das Moderator Hans Dieter Heimendahl für den Einstieg in das Ökumenische Stadtgespräch der Kirchen am 14. März in Bremen gewählt hatte. Unter dem Titel „Geld.Macht.Staat“ diskutierten die Bremer Finanzsenatorin Karoline Linnert, der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel und der Sozialethiker Friedhelm Hengsbach SJ über Ursachen und mögliche Lehren aus der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise.

Eine wesentliche Ursache für die Krise sah Hickel in der „gnadenlosen Deregulierung und Entfesselung der Finanzmärkte“ Mitte der 1980er Jahre. Dazu kamen die Agenda 2010, Hartz IV und die Bildungsreformen der großen Koalition. Es sei ein großer Irrtum zu glauben, man könne durch Spekulationen Werte schaffen. Spekulationen hätten mit dem realen Geschäftsleben und der Realwirtschaft nichts zu tun, so der ehemalige Professor für politische Ökonomie und Finanzwissenschaften an der Universität Bremen.

Pater Hengsbach kritisierte das „Fieber der Privatisierung“ und „den Irrglauben, der Markt werde es schon richten“. Anders als der rheinische Kapitalismus zeige der Kapitalismus angelsächsischer Prägung seine „destruktive Macht“ in der Ausbeutung der Umwelt und einer unbegrenzten Kredit- und Geldschöpfungsmacht des Bankensystems. Unternehmerische Wertschöpfung gründet für den Jesuiten in vier Ressourcen: Dem Natur-, Arbeits- und Geldvermögen sowie dem Gesellschaftsvermögen aus öffentlicher Infrastruktur sowie Bildungs- und Gesundheitseinrichtungen. Die Nutzung des Geldvermögens werde komfortabel entgolten. Oft sei die Vermehrung des Gewinns sogar das einzige Unternehmensziel. Arbeits-, Gesellschafts- und Naturvermögen hingegen würden mit möglichst niedrigen Abfindungen entgolten. Das verhindere eine faire Verteilung der Wertschöpfung, so das Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

„Wettbewerbsföderalismus“ und „Staatenkonkurrenz“ seien Kampfbegriffe, mit denen Bundesländer und Staaten um die niedrigsten Abgaben wetteiferten. Die Individualisierung gesellschaftlicher Risiken und sozialer Beziehungen sei der falsche Weg: „Statt auf Solidarität wird auf private Vorsorge gesetzt“, sagte der langjährige Leiter des Nell-Breuning-Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.

Auch Bremens Finanzsenatorin Karoline Linnert kritisierte eine Entsolidarisierung der Gesellschaft. Allerdings bezweifelte sie, dass Hartz IV und die Agenda 2010 der Anfang allen Übels waren: „Viele Länder haben über ihre Verhältnis gelebt und die Menschen gewöhnen sich daran, die laufenden Kosten über Kredite zu finanzieren“. Vergleiche zwischen Bremen und Griechenland wies die Grünenpolitikerin weitgehend zurück. Viele Menschen orientierten sich nicht mehr am Gemeinwohl und würden dadurch den Maßstab verlieren. „Der Staat wird immer weiter ausgeplündert“, so die studierte Psychologin, die seit 1979 Mitglied bei den Grünen ist.

Vor einer „Verzwergung des Staates, der abhängig wird von den Banken“ warnte Hickel eindringlich. Wie in seinem gerade erschienenen Buch „Zerschlagt die Banken, Zivilisiert die Finanzmärkte“ setzte er in Anlehnung an den österreichischen Ökonomen Joseph Schumpeter auf das Prinzip der „schöpferischen Zerstörung“: Aus der kreativen Zerstörung alter Strukturen könnten neue, bessere Ordnungen entstehen. Die Banken der Zukunft sollten „dienend, dezentral und demokratisch“ sein. Dazu müssten „die Schattenbanken raus aus dem Schatten“ und außerbörsliche Spekulationsgeschäfte sowie der Eigenhandel der Banken ohne Beteiligung der Kunden verboten werden.

Zudem warb der ehemalige Stipendiat des Cusanus-Werkes, der während der Diskussion seine katholischen Wurzeln nicht verschwieg, für eine stärkere Berücksichtigung der Sozialethik, auch im Studium der Wirtschaftswissenschaften an der Bremer Universität. „Der reine homo oeconomicus ist eine traurige Figur“, sagte der Mitbegründer der Arbeitsgruppe Alternative Wirtschaftspolitik, die jedes Jahr ein Gutachten zur wirtschaftlichen und sozialen Lage vorlegt. Oft werde „die Gier der Banken durch die Gier der Leute gefüttert“.

Das Schlüsselwort des Sozialethikers Hengsbach zur Bewältigung der Krise lautete „neue Machtbalance“: Nötig sei ein neues Gleichgewicht zwischen der Finanz- und der Realwirtschaft, zwischen öffentlichem und privatem Sektor, zwischen Frauen- und Männerarbeit sowie zwischen der Exportindustrie und einem Dienstleistungsbereich, der sich an den Bedürfnissen der Menschen in Deutschland orientiere, besonders in Bildung, Gesundheit und Kultur. Berufe, in denen viele Frauen tätig seien, müssten aufgewertet und besser bezahlt werden. Notwendig seien „solidarische Bewegungen“, da der Einzelne gegenüber Großunternehmen oft ohnmächtig sei.

Kleine und mittlere Unternehmen würden es mit innovativen und nachhaltigen Produkten zeigen: „Ein anderer Kapitalismus ist möglich!“, so auch der Titel des 2009 erschienenen Buches von Hengsbach mit dem Untertitel „Wie nach der Krise ein Leben gelingt“. Der 75-jährige Jesuit warnte davor, die Diskussion über den Euro von dem „politischen Projekt Europa“ zu lösen. Der europäische Integrationsprozess habe den Ländern in Europa 60 Jahre Frieden, Freizügigkeit und gleichwertige Lebensverhältnisse gebracht. „Europa gehört zusammen und die Griechen gehören dazu ebenso wie die anderen europäischen Länder, die im Moment Probleme haben“, so Hengsbach.

Karoline Linnert sprach sich für eine teilweise Rekommunalisierung von Unternehmen aus. Eigenunternehmen Bremens wie die Bremer Lagerhaus-Gesellschaft, die Bremer Landesbank oder der Immobiliendienstleister GEWOBA zeigten, dass auch der Staat gut wirtschaften und konkurrenzfähig sein könne, so die Aufsichtsratsvorsitzende der Bremer Landesbank. Allerdings brauche der Staat immer noch zu viele Ressourcen, um sich selbst zu verwalten. Hier sehe sie noch Einsparmöglichkeiten. Linnert warb für eine sachliche und faire Diskussion über notwendige Sparmaßnahmen: „Diskurs, Protest und Lautstärke müssen stimmen“, sagte die Grünenpolitikerin, die seit 2007 Bürgermeisterin, Senatorin für Finanzen und Stellvertreterin des Präsidenten der Freien Hansestadt Bremen ist. Bei vielen Menschen nehme sie „eine Sehnsucht nach einer Neuauflage von ethischer Orientierung wahr“. Dass „der Mensch nicht nur vom Brot allein lebe“, würden auch viele Menschen außerhalb der Kirchen erkennen. Dennoch wünsche sie sich „laute und streitbare Kirchen in Bremen“.

„Lass keine Krise ungenutzt“. Diese Devise der Schweizer Psychologin Verena Kast haben sich die Kirchen mit dem 13. Stadtgespräch zueigen gemacht. Denn es sei auch Aufgabe der Kirchen Zeit, Raum und Kompetenz für die Bewältigung gesellschaftlicher Probleme anzubieten, so Propst Dr. Martin Schomaker und Schriftführer Renke Brahms, die zu der gut besuchten Diskussion in die Kirche Unser Lieben Frauen eingeladen hatten.

Bilder (Martina Höhns): Der Sozialethiker Pater Prof. Dr.Friedhelm Hengsbach SJ, Moderator Dr. Hans Dieter Heimendahl, Finanzsenatorin Karoline Linnert, der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Dr. Rudolf Hickel beim 13. Ökumenischen Stadtgespräch der Kirchen am 14. März 2012 in der Kirche Unser Lieben Frauen in Bremen (von links nach rechts).