Aktuelle Mitteilungen

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11.05.2012

Alle Bilder: Dr. Martina Höhns

Die Neuentdeckung der Spiritualität

Kirchen auf der Messe "Leben und Tod"

Pressemitteilung des katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 11.05.2012

Bremen (mh) Die Sorge für kranke, sterbende und trauernde Menschen und ihre Angehörigen ist ureigenste Aufgabe der Kirchen. Davon ist Anja Egbers überzeugt und hat deshalb gemeinsam mit fünf weiteren evangelischen und katholischen Theologen im Programmbeirat der Messe „Leben und Tod“ mitgearbeitet. Die Referentin für Hospizarbeit im Bistum Osnabrück freut sich, dass viele Fachvorträge Glaube und Spiritualität betreffen und Theologen zu den Vortragenden gehören.

Neben den Kirchen präsentieren sich zahlreiche Vereine und Verbände, aber auch Firmen und Versicherungen auf der Messe. Es gibt Anbieter von Totenschmuck und Designer-Urnen neben ehrenamtlichen Hospizmitarbeitern und professionellen Trauerrednern.

Am zentralen Informationsstand der Kirchen in Halle 4 stehen Mitarbeiter für Fragen, Anregungen und Gespräche zur Verfügung. „Die meisten Menschen, die zu uns an den Stand kommen, arbeiten im Berufsfeld Krankenhaus oder Pflege und berichten über ihre Erfahrungen“, weiß Joachim Korte, der als Seelsorger auf Bremens bisher einziger Palliativstation arbeitet. „Tiefe Seelsorgegespräche finden eher selten statt, kommen aber vor“, so Elisabeth Hunold-Lagies, pastorale Mitarbeiterin in Bremens größter katholischer Pfarrei St. Raphael. Viele Besucher nehmen auch nur Informationsmaterial mit.

Zur Mittagszeit laden die Kirchen zu einem kurzen Impuls ein. Für 15 Minuten wird die Messehalle ein Ort zum Innehalten und zur Ruhe kommen. Konrad Lagies lässt auf der Gitarre drei Sätze von Johann Anton Logy in A-Moll erklingen, der evangelische Pastor Peter Brockmann liest aus der Bibel und Anja Egbers trägt ein Gedicht von Gertrude Wilkinson „Ein zweites Mal“ vor. Gut 60 Besucher haben dieses Angebot am zweiten Tag angenommen.

Das Projekt „Alles hat seine Zeit“ richtet sich besonders an Schüler und Konfirmanden. Britta Lucht vom Hospiz- und Palliativverband Bremen und Simona Herz von der religionspädagogischen Arbeitsstelle der evangelischen Kirche haben Bilder und Biografien von ganz unterschiedlichen Menschen zusammengestellt, die verstorben sind. Darunter junge und alte, verunglückte und an Krankheiten gestorbene, Singles und Menschen mit einer großen Familie, Gläubige und Ungläubige. Zu jedem Verstorbenen gibt es einen Fragebogen, der die Jugendlichen an verschiedene Informationsstände auf der Messe führt.

Die katholischen Seelsorger müssen erklären, was eine Krankensalbung ist und ob auch Menschen, die nicht bei Bewusstsein sind, gesalbt werden dürfen. Die 15jährige Julia will wissen, warum viele Menschen kurz vor dem Tod eines Menschen einen Priester rufen und wie eine katholische Trauerfeier aussieht. Andere interessiert, welche Vorstellungen die katholische Kirche von dem Leben nach dem Tod hat.

In vielen Fachvorträgen setzen sich Psychologen und Theologen mit Fragen von Spiritualität und Trauerarbeit auseinander. Ein Trend, der in den USA schon viel stärker ist und vermutlich in den nächsten Jahren auch in Europa zunehmen wird.

Dr. Michael Utsch (Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen):
Christ sein bedeutet helfen. Das ist der Kern christlicher Spiritualität. Therapieren heißt wörtlich „dem Göttlichen im anderen dienen“. Rituale und Symbole sind die Sprache der Spiritualität, die erlernt und eingeübt werden müssen. Heute arbeiten wenig religiös motivierte Mitarbeiter in Diakonie und Caritas, wo ökonomischer Druck und Zeitmangel zudem Freiräume für Spiritualität erschweren. Oft fehlt die Fähigkeit, über existentielle und spirituelle Themen zu sprechen. Existentielle Fragen sind nicht fachlich, sondern nur in persönlicher Haltung und „gläubig“ zu beantworten.

Prof. Karin Wilkening (Diplompsychologin):
Spiritualität kann nicht an die Seelsorger delegiert werden. Jeder, der mit kranken, sterbenden oder trauernden Menschen arbeitet, muss seine Spiritualität wahrnehmen und kennen. Sinnliche Erfahrungen, Poesie, Musik und Kunst eröffnen Zugänge. Persönliche „heilige Bereiche“ und Rituale im Alltag wirken als Kraftquellen.

Prof. Matthias Gründel (Professor für Sozialpsychologie):
Weil der Mensch sich seiner Endlichkeit bewusst ist, kennt er existentielle Angst. Als Angstpuffer dienen Religion, Kultur, Selbstwert und Generativität. Menschen suchen verschiedene Wege aus der Angst. Beim „angenehmen Leben“ steht der Genuss im Mittelpunkt. Beim „engagierten Leben“ ist das Tun zentral. Am nachhaltigsten ist das „sinnvolle Leben“, bei dem die eigenen Stärken in den Dienst eines größeren Bedeutungsrahmens gestellt werden und der Einzelne nicht einsam, sondern sozial eingebunden ist.

Dr. Ruthmarijke Smeding (Expertin für Palliativ- und Trauerbegleitung):
Trauerarbeit soll sich nicht vorrangig an Problemen und Expertenmeinungen orientieren. Jeder trauert anders. Deshalb stehen die Möglichkeiten und Ressourcen des betroffenen Menschen im Mittelpunkt. 20 % der Trauernden brauchen professionelle Hilfe, die noch immer viel zu schwer zu finden ist. Menschen sollen selbst entscheiden, wie und wie lange sie trauern.

Prof. Annelie Keil (Professorin für Gesundheitswissenschaften, angewandte Biografie- und Lebensweltforschung):
Leben und Sterben ist immer biografisch. Es gibt kein richtig, das für alle gilt. Im Leben muss immer wieder die Balance zwischen den beiden Prinzipien „Geborenwerden“ und „Sterben“ gefunden werden. Die Bedrohung bringt das Leben „auf den Punkt“, konzentriert es auf den Augenblick. Die menschliche Existenz ist eine Schrittfolge ins Ungewisse. Angst vor dem Tod ist auch Angst vor dem Leben.

Bilder (Martina Höhns): Schwester Maris gibt Intervies am Kirchenstand; Seelsorgerinnen bieten Beratungsgespäche an; Dr. Michael Utsch weist auf die Bedeutung von Spiritualität; Dr. Ruthmarijke Smeding erklärt Trauer;