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13.10.2012

50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil

Professor Rolfes: Konzil war Anfang vom Anfang

Pressemitteilung des Katholischen Gemeindeverbandes in Bremen vom 13.10.2012

Zweites Vatikanisches Konzil war Anfang vom Anfang
Professor Helmuth Rolfes erinnert an den 50. Jahrestag der Konzilseröffnung

Bremen (mh) Als „Anfang vom Anfang“, „epochalen Aufbruch“ und „Zukunftsaufgabe“ hat Professor Dr. Dr. Helmuth Rolfes das Zweite Vatikanische Konzil bezeichnet, das am 11. Oktober 1962 in Rom eröffnet wurde. Auf Einladung des Katholischen Forums hielt der frühere Professor für Katholische Theologie in Kassel vor gut 200 Gästen im Willehad-Saal den Festvortrag, mit dem die katholische Kirche in Bremen am 11. Oktober 2012 an den 50. Jahrestag der Konzilseröffnung erinnerte.

Die Weichenstellungen des Konzils für das Selbstverständnis der katholischen Kirche und ihre Stellung in der Welt hält Rolfes für unumkehrbar, auch wenn weiter um die Interpretation gerungen werde. Weder das Engagement der Kirche für den interreligiösen Dialog noch für Menschenrechte, Religions- und Gewissensfreiheit sei ohne das Konzil in der heutigen Form denkbar. Nachholbedarf sieht der Theologieprofessor, der heute in Bremen lebt, allerdings bei der Umsetzung der neuzeitlichen Freiheitsrechte auch im innerkirchlichen Bereich.

Papst Johannes XXIII., der im Alter von 78 Jahren das Konzil einberief, habe eine herausgehobene Bedeutung für das Zweite Vatikanum. Mit seinem Wunsch, die Fenster und Türen der Kirche weit zu öffnen und „frische Luft“ hereinzulassen, habe er die Richtung des Konzils gewiesen. Die rund 2800 Konzilsväter aus aller Welt hätten einen neuen Kommunikationsstil gefunden: Nicht mehr die alten, autoritären Kommunikationsformen prägten das Konzil, sondern Verständigung, Dialog und globale Solidarität. Die Kirche sollte ihre Sendung werbend verwirklichen, der Einheit der Christen dienen und ihre christliche Verantwortung für die Welt wahrnehmen. Leider ließen einige Verlautbarungen der jüngeren Zeit diesen einladenden Kommunikationsstil vermissen, sagte Rolfes.

Der Theologieprofessor rief dazu auf, sich wieder intensiver mit den insgesamt 16 Texten zu beschäftigen, die das Konzil in der Regel mit überwältigender Mehrheit verabschiedet habe. Diese hätten einen umfangreichen Reformprozess auf allen Ebenen kirchlichen Lebens eingeleitet: Der Dialog mit anderen Kirchen wurde möglich, Liturgie wurde in der Volkssprache gefeiert, auf allen Ebenen kirchlichen Lebens wurden synodale und beratende Gremien eingerichtet, die Stellung von Ortskirchen und Laien wurde gestärkt. Dabei käme es bei der Deutung der Dokumente nicht nur auf den Buchstaben, sondern auch auf den Geist des Konzils an. Er warnte davor, die Konzilstexte nur als Projektionsfläche für eigene Wünsche an die Kirche zu missbrauchen. Die Texte markierten kein Ende, sondern auch einen Anfang der Debatte.

Erst wer das Zweite Vatikanische Konzil im Zusammenhang der Kirchengeschichte und der Lehrentwicklung sehe, werde die ganze Tragweite dieses epochalen Aufbruchs begreifen, ist Rolfes überzeugt. Noch im 19. Jahrhundert habe die Kirche angesichts der gesellschaftlichen und ideologischen Umbrüche versucht, ihre Unabhängigkeit zu verteidigen durch einen Rückgriff auf vormoderne Ideen, Lebens- und Organisationsformen. Das habe zu einer „systematischen Abschottung vor den Errungenschaften der Moderne“ und zu einer „noch nie dagewesenen zentralistischen und papalistischen Kirchenverfassung“ geführt, so Rolfes. Mit dem Zweiten Vatikanum sei dieses einseitige Kirchenverständnis unwiderruflich untergegangen. Allerdings mache er durchaus neue Tendenzen zum Zentralismus aus, mit denen die vom Konzil festgeschriebene Bedeutung der Ortskirche offenbar abgeschwächt werden solle. Schon auf dem Konzil habe es die Auffassung gegeben, dass die Kollegialität der Bischöfe den Primat des Papstes in Frage stellen könnte.

Besondere Bedeutung habe das Konzil, so die feste Überzeugung von Professor Rolfes, für den Dialog mit den nichtchristlichen Religionen und die Anerkennung der neuzeitlichen Freiheitsrechte wie Religions-, Meinungs- und Gewissensfreiheit. Weil die ganze Menschheitsfamilie denselben Ursprung in einem Schöpfergott hat, wolle Gott auch das Heil aller Menschen. Nicht mehr der Grundsatz „außerhalb der Kirche kein Heil“, sondern die positive Wertschätzung anderer Religionen stand im Vordergrund: „Die Kirche lehnt nichts ab, was in den anderen Religionen wahr und heilig ist“ formuliere das Konzilsdokument.

Dem Verhältnis der Kirche zu den Juden habe das Konzil viel Zeit gewidmet und mit antijudaistischen Stereotypen aufgeräumt. Auch im christlich-islamischen Dialog seien die Gemeinsamkeiten des Glaubens hervorgehoben worden, zum Beispiel die Auferweckung der Toten, das jüngste Gericht und die Vergeltung der Taten. Das Konzil rief die Religionen dazu auf, zur Förderung von Frieden, Freiheit und sozialer Gerechtigkeit in der ganzen Welt zusammenzuarbeiten. Auf diesem Gebiet liege die Hauptarbeit noch vor uns, so Rolfes.

Vor allem die amerikanischen Bischöfe hätten sich beim Konzil für eine Neubestimmung der Religionsfreiheit eingesetzt. Die alte Lehre vom Vorrang der Wahrheit über die Freiheit legte das Konzil unwiderruflich ad acta. Es hält unmissverständlich fest: Alle Menschen müssen frei sein von jedem Zwang. In religiösen Dingen darf niemand gezwungen werden gegen sein Gewissen zu handeln. Dieses Recht auf religiöse Selbstbestimmung kommt allen Menschen ohne Ausnahme und Unterschied zu. Inzwischen gehöre die katholische Kirche auch politisch zu den energischen Verteidigern der Religions- und Gewissensfreiheit.

Ein neues Konzil hält Rolfes für denkbar, um neue Wege bei der Inkulturation zu finden, also bei dem Bemühen, das Eigenleben anderer Kulturen in Liturgie, Katechese und den christlichen Lebensvollzügen angemessen zur Geltung zu bringen.

Bild (Martina Höhns):
Prof. Dr. Dr. Helmuth Rolfes im Gespräch mit Diskussionsteilnehmern nach seinem Festvortrag „50 Jahre Zweites Vatikanisches Konzil – Ein Ereignis der Vergangenheit oder der Anfang vom Anfang?“ am 11. Oktober 2012 im Willehad-Saal in Bremen.